Alleingeborener Zwilling

Frau auf einem Steg schaut in die Weite

Wenn eine Trauer keine Geschichte zu haben scheint

„Ich weiß gar nicht, warum ich so traurig bin.“

Diesen Satz höre ich manchmal von Menschen, die mit dem Gefühl zu mir in die Praxis kommen, dass ihnen etwas oder jemand fehlt. Auch beim Thema alleingeborener Zwilling begegnet mir immer wieder eine Traurigkeit, die sich nicht richtig erklären lässt.

Von einer Leere, die schon sehr lange da ist. Manchmal seit der Kindheit. Manchmal begleitet sie die Menschen durch viele Beziehungen, durch berufliche Erfolge und persönliche Veränderungen – und trotzdem bleibt dieses Gefühl:

Da fehlt jemand. Nur wer?

Oft haben diese Menschen schon vieles versucht. Sie waren in Therapie, haben Bücher gelesen, Trauergruppen besucht oder verschiedene Methoden ausprobiert. Und trotzdem bleibt dieses Gefühl, das sich nicht wirklich greifen lässt.

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Du hast eigentlich keinen offensichtlichen Grund, traurig zu sein. Dein Leben ist vielleicht sogar schön. Und dennoch gibt es diese Momente, in denen dich eine tiefe Sehnsucht überkommt. Eine Einsamkeit, die sich anders anfühlt als das gewöhnliche Alleinsein.

Manchmal frage ich dann nicht nur:

„Was ist in deinem Leben passiert?“

Sondern auch:

„Gibt es vielleicht etwas, das sehr früh in deinem Leben begonnen hat?“

Blätter creme

Eine Geschichte, die vor der Geburt beginnt

Ich erinnere mich an eine Klientin, die mit genau diesem Gefühl zu mir kam.

Sie konnte ihre Traurigkeit nicht erklären. Es gab keinen Verlust in ihrem späteren Leben, der diese tiefe Sehnsucht hätte erklären können. Trotzdem hatte sie schon immer das Gefühl, dass jemand fehlt.

Wir schauten zunächst auf ihre Lebensgeschichte.

Gab es einen Verlust? Eine Trennung? Eine Erfahrung, bei der Gefühle keinen Raum bekommen hatten? Etwas, das sie vielleicht viel zu früh hatte „wegstecken“ müssen?

Doch nichts schien wirklich zu diesem tiefen Gefühl zu passen.

 

Frau schaut aus dem Fenster

In solchen Situationen kann eine Rückführung ein anderer Weg sein.

Dabei ist mir eines besonders wichtig: Ich sage meinen Klientinnen nicht vorher, was ich medial wahrnehme.

Auch wenn sich bei mir möglicherweise bereits die Wahrnehmung eines Geschwisterkindes zeigt, behalte ich diese Information zunächst für mich. Ich möchte die Person nicht beeinflussen und ihr nicht unbewusst eine Geschichte vorgeben.

Ich sage dann oft: „Lege alles beiseite, was du glaubst zu wissen, und erlebe, wie es wirklich war.“ Dann gehen wir gemeinsam zurück – manchmal bis in die Zeit der Schwangerschaft. Und dort kann etwas geschehen, das viele Menschen tief berührt:

Die Person erinnert sich nicht einfach an etwas. Sie erlebt es, als würde es gerade geschehen. Sie nimmt wahr, was um sie herum geschieht, welche Gefühle da sind und wie sie selbst diese Situation erlebt.

Manchmal zeigt sich dabei tatsächlich ein Geschwisterkind, manchmal zeigt sich aber auch etwas ganz anderes.

Genau deshalb ist es für mich so wichtig, nichts vorwegzunehmen. Die Rückführung soll nicht meine Erklärung bestätigen, sie soll der eigenen Erfahrung Raum geben.

Wenn plötzlich jemand da ist – und wieder geht

In einer solchen Rückführung kann sich zum Beispiel zeigen, dass die Schwangerschaft ursprünglich mit zwei Kindern begonnen hat.

Zunächst kann da eine tiefe Freude sein. Ein Gefühl von Verbundenheit. Von „Wir“. Vielleicht ist da ein Wesen, mit dem man bereits auf eine Weise verbunden ist, die sich kaum mit Worten beschreiben lässt. Und dann verändert sich etwas.

Das Geschwisterkind ist plötzlich nicht mehr da.

Was folgt, kann eine Trauer sein, die sich unglaublich tief anfühlt – gerade weil diese Verbindung so früh und so unmittelbar erlebt wurde. Für den Verstand ist das kaum zu begreifen. Für die Person, die es in der Rückführung erlebt, kann es sich dagegen vollkommen real anfühlen.

Feder in Eierschale

Was bedeutet es, alleingeborener Zwilling zu sein?

Das Vanishing-Twin-Syndrom beschreibt medizinisch das Phänomen, dass sich eine ursprünglich angelegte Zwillings- oder Mehrlingsschwangerschaft nicht weiterentwickelt, weil einer der Embryonen stirbt. Häufig geschieht dies sehr früh in der Schwangerschaft und wird von den Eltern gar nicht bemerkt.

In meiner Arbeit geht es jedoch um eine weitere Ebene:

Was kann es für einen Menschen bedeuten, wenn er diese frühe Trennung auf einer tiefen, unbewussten Ebene erlebt?

Nach meinem Verständnis nimmt ein Embryo auf dieser sehr frühen Ebene bereits sehr viel von dem wahr, was geschieht. Nicht mit dem Verstand, sondern auf einer unbewussten, körperlichen Ebene.

Ich stelle mir die Zellen dabei gern wie kleine Bibliotheken vor: Erfahrungen werden nicht als bewusste Geschichten gespeichert, sondern hinterlassen Spuren, auf die unser späteres Erleben zurückgreifen kann.

Wenn ein Mensch seine erste Erfahrung von Beziehung und Verbundenheit mit einem anderen Wesen macht und dieses Wesen plötzlich nicht mehr da ist, kann sich daraus ein tiefes inneres Muster entwickeln.

Und dieses Muster kann sich später auf ganz unterschiedliche Weise zeigen.

Zwillinge im Mutterbauch

„Ich darf gar nicht richtig leben.“

Eine der Erfahrungen, die ich in diesem Zusammenhang besonders berührend finde, ist der unbewusste Eindruck:

„Ich darf nicht leben, wenn du nicht leben durftest.“ Oder:

„Ich müsste eigentlich mit dir zusammen sein.“

Der Mensch weiß davon bewusst nichts und trotzdem kann dieses Gefühl sein Leben beeinflussen.

Manche Menschen haben Schwierigkeiten, wirklich im eigenen Leben anzukommen. Sie halten sich unbewusst zurück, machen sich kleiner oder haben das Gefühl, ihr eigenes Glück nicht ganz annehmen zu dürfen.

Manchmal zeigt es sich auch in einer tiefen Schuld:

„Warum darf ich leben und du nicht?“

Obwohl dieser Gedanke niemals bewusst gedacht wurde.

Andere erleben eine ganz besondere Form von Einsamkeit. Sie können unter Menschen sein, geliebt werden und trotzdem das Gefühl haben, dass ihnen jemand fehlt.

Und dann gibt es Menschen, die ihr verlorenes Gegenüber unbewusst immer wieder suchen.

In Partnerschaften.

Sie suchen diese besondere Vertrautheit, dieses Gefühl von „Wir gehören zusammen“. Manchmal entsteht dadurch eine starke Bindung oder eine Sehnsucht, die sich kaum erklären lässt.

Und manchmal ist es tatsächlich erstaunlich, in welchen kleinen Alltagssituationen sich dieses alte Muster zeigen kann.

Zum Beispiel beim Einkaufen: Warum kaufe ich eigentlich immer zwei?

Zwei Birnen statt einer.

Zwei Brötchen.

Zwei von etwas, obwohl ich nur eines brauche.

Natürlich bedeutet der Kauf von zwei Birnen nicht automatisch, dass jemand einen verlorenen Zwilling hat.

Aber wenn sich solche Muster durch das gesamte Leben ziehen und mit dem tiefen Gefühl verbunden sind, nicht allein sein zu wollen oder nicht allein sein zu dürfen, kann es spannend sein, einmal genauer hinzuschauen.

Eine Verbindung, die sich auch später zeigen kann

In meiner Arbeit als Medium erlebe ich manchmal noch eine weitere Ebene.

Während einer Rückführung oder in einer späteren medialen Wahrnehmung kann sich die Verbindung zu dem verstorbenen Geschwisterkind zeigen.

Manchmal wird dabei sogar eine sehr deutliche männliche oder weibliche Energie wahrgenommen.

Für die betroffene Person kann das ein zutiefst berührender Moment sein.

Denn plötzlich bekommt dieses diffuse Gefühl von

„Da fehlt jemand“

ein Gesicht, eine Energie, eine Beziehung. Und manchmal entsteht dadurch etwas, das vorher nicht möglich war:

Trauer darf endlich einen Platz bekommen.

Nicht, weil damit wissenschaftlich bewiesen wäre, dass tatsächlich ein Zwilling existiert hat.

Sondern weil die Erfahrung für diesen Menschen eine Bedeutung bekommt und etwas in Bewegung bringt.

Warum manche Menschen besonders feinfühlig sind

Auch eine andere Beobachtung begegnet mir immer wieder. Menschen, die eine solche Erfahrung in sich tragen, beschreiben sich häufig als besonders feinfühlig.

Sie nehmen Stimmungen wahr, bevor andere sie bemerken. 

Sie spüren, wenn jemand etwas verschweigt.

Sie reagieren empfindlich auf Spannungen.

Und sie haben manchmal das Gefühl, viel mehr wahrzunehmen als andere.

Ob diese Feinfühligkeit tatsächlich mit einem verlorenen Zwilling zusammenhängt, lässt sich wissenschaftlich nicht eindeutig sagen.

Aus meiner beruflichen Erfahrung heraus finde ich diesen Zusammenhang jedoch immer wieder bemerkenswert.

Vielleicht hat ein Mensch sehr früh gelernt, auf das zu achten, was nicht mehr sichtbar ist. Vielleicht ist die Wahrnehmung des anderen schon ganz am Anfang des eigenen Lebens besonders wichtig gewesen. Und vielleicht ist genau diese Fähigkeit später zu einer großen Ressource geworden.

Der Weg zurück in die eigene Kraft

In einer Rückführungs- oder Releasing-Sitzung geht es deshalb nicht darum, eine möglichst spektakuläre Geschichte zu finden.

Es geht darum, dem Raum zu geben, was sich zeigen möchte.

Manchmal führt dieser Weg zu einer frühen Erfahrung, manchmal zu einem späteren Verlust – und manchmal zeigt sich tatsächlich das Bild eines verlorenen Zwillings.

Dann darf die Trauer Raum bekommen. Der Schmerz darf gewürdigt werden. Und etwas darf sich verändern:

Ich darf leben.

Ich darf MEIN Leben leben.

Ich darf glücklich sein.

Vielleicht ist genau das die tiefste Form des Loslassens: Den anderen in Liebe dort sein lassen, wo er hingehört – und selbst den eigenen Platz im Leben einnehmen.

Vielleicht trägst du schon lange das Gefühl in dir, dass jemand fehlt. Vielleicht gibt es eine Sehnsucht, die du dir selbst nicht erklären kannst.

Dann musst du daraus nicht sofort eine Erklärung machen.

Aber du darfst neugierig werden.

Kind geht in den Sonnenuntergang

Was möchte dieses Gefühl mir eigentlich erzählen?

Wenn du dich darin wiedererkennst, können wir gemeinsam schauen, was sich dahinter verbirgt – behutsam, ohne etwas erzwingen zu müssen und immer in deinem Tempo.

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